Herausgeber

Priv.-Doz. Dr. med. Dipl.-Oec. med.
Alexander Joist

Asklepios Klinikum Bad Abbach
Chefarzt Orthopädie II
Kaiser-Karl-V.-Allee 3
93077 Bad Abbach

Telefon: 09405 / 18 - 2306

Aufbau einer Schulterprothese

Die Schulter ist wohl das Gelenk mit der ungewöhnlichsten Konstruktion im menschlichen Körper, mit gleich drei bis (fünf) Gelenken, drei Knochen, drei Muskelgruppen sowie vielen Sehnen und Bändern für die Gelenkkapseln. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass das Schultergelenk in erster Linie durch Muskeln und Sehnen gehalten und geführt wird. Das ist vorteilhaft für den großen Bewegungsumfang, aber gleichzeitig nachteilig für das Risiko der Instabilität und erhöhten Verletzbarkeit.

Die Schulter holt ihre enormen Bewegungsmöglichkeiten aus insgesamt 5 Gelenken. Diese setzen sich aus 3 echten Gelenken (dem Glenohumeralgelenk, dem Acromioclaviculargelenk und dem Sternoclaviculargelenk) und 2 Nebengelenken (dem subacromialen Nebengelenk und dem „Schulterblatt-Thorax-Gelenk) zusammen.

Ein ganz besonderes Gelenk mit flacher Pfanne

Das Genohumeralgelenk (wird von der Cavitas glenoidalis der Scapula und vom Caput humeri gebildet) ist ein Kugelgelenk, das seinen auffälligen Bewegungsspielraum aus seiner Architektur bezieht. Diese besteht aus der relativ kleinen, eher flachen Pfanne und dem großen Oberarmkopf. Die weite, schlaffe Gelenkkapsel mit ihrer vergleichsweise geringen Ausstattung an ligamentären Verstärkungen trägt ebenfalls zu der großen Beweglichkeit bei. Als Ergänzung dieser geringen knöchernen Führung ist ein starker Muskelmantel nötig, der die notwendige aktive Stabilität in jeder Gelenkstellung gewährleistet.

Eine Muskelgruppe mit Spezialaufgabe

Die wichtigsten Muskeln, die diese Stabilisierungsarbeit leisten sind der M. supraspinatus, der M. infraspinatus, der M. teres minor und der M. subscapularis. In der Summe ihres Zusammenspiels werden sie Rotatorenmanschette genannt. Allein ihre Position und ihr Verlauf sind die Faktoren, mit denen sie den Humeruskopf in der Pfanne so erfolgreich zentrieren und dem Gelenk ihre Stabilität geben. Der M. deltoideus trägt ebenfalls seinen Teil zur muskulären Führung bei.

Ein weiteres Kugelgelenk für noch mehr Beweglichkeit

Das Schulter-Eckgelenk (Acromioclaviculargelenk) ist die gelenkige Verbindung zwischen Clavicula und Scapula. Die Articulatio acromioclavicularis ist ein Kugelgelenk, das die nötige Beweglichkeit zwischen Scapula und der Clavicula bei ausschweifenden und großzügigen Armbewegungen möglich macht.

Die Vervollständigung einer hochkomplexen Bewegungseinheit

Das Sternum ist die Basis für das Sattelgelenk, das die Bewegungen des Schlüsselbeins in der Horizontal- und Frontalebene zulässt. Das Nebengelenk (Subacromiale) stellt kein echtes Gelenk im ureigensten Sinn dar. Es ermöglicht aber das reibungslose Gleiten des cranialen Anteils des Caput humeri gegenüber dem Fornix humeri. Ein weiteres Nebengelenk ist das „Schulterblatt-Thorax-Gelenk“ (Scapulothorakalgelenk). Es ist eine Verschiebeschicht aus Bindegewebe, die es der Scapula möglich macht, alle erforderlichen Gleitbewegungen auf dem Thorax auszuführen.

Gründe für den Einsatz einer Schulterprothese

Ein funktionierendes Schultergelenk zu haben bedeutet schmerzfreie Beweglichkeit. Genau die kann aber durch Schulterarthrose oder Unfälle stark beeinträchtigt werden. Dann kann nur eine Schulterprothese das Gelenk wieder stabilisieren.

Die Schulterprothese ist ein implantierter Maßanzug

Gelenkprothesen ahmen die Form und Funktion des natürlichen Gelenks nach und ermöglichen durch den Ersatz der verschlissenen Gelenke die Wiederherstellung der (schmerzfreien) Beweglichkeit. Die besondere Herausforderung beim Ersatz des Schultergelenks besteht nun in der genauen Gelenkwiederherstellung der individuell unterschiedlichen Winkel- und Größenverhältnisse von Oberarmkopf und Schulterpfanne. Je nach Qualität und Quantität der Zerstörung des Schultergelenks stehen drei verschiedene Typen von Schulterprothesen zur Auswahl:

  • die Hemiprothese, die lediglich die Gelenkfläche des Oberarmkopfes ersetzt
  • die Schultertotalendoprothese, TEP genannt, die sowohl die Gelenkfläche des Oberarmkopfes, als auch die der Schulterpfanne ersetzt und
  • die inverse/reverse (umgekehrte) Schulterprothese, auch  Deltaprothese genannt, bei der der konvexe und der konkave Gelenkpartner des Schultergelenks vertauscht werden

Jede dieser Schulterprothesentypen ist jeweils in unterschiedlichen Größen und Varianten erhältlich, um so tatsächlich als individueller Maßanzug an die Anforderungen und Notwendigkeiten des jeweiligen Patienten angepasst werden zu können.

Hemiprothese (Oberarmkopfprothese)

Die Schulter-Hemiprothese ist ein Teilersatz des Schultergelenks. Die natürliche Schulterpfanne (Glenoid) bleibt erhalten und nur der Oberarmkopf (Humeruskopf) wird durch eine Endoprothese ersetzt. Sie kommt immer dann zum Einsatz, wenn die Rotatorenmanschette noch intakt oder nur wenig geschädigt ist. Die Schulterpfanne muss noch genügend Gelenkknorpel und darf keine wesentliche Deformierung aufweisen. Grundsätzlich stehen dabei mit der Kappenprothese und der Stiel- bzw. Schaftprothese zwei unterschiedliche Typen von Oberarmkopfprothesen zur Verfügung.

Die Kappenprothese wird auch Cup-Prothese, Oberflächenersatzprothese, Humeruskopf-Oberflächenersatz oder kappenartiger humeraler Gelenkflächenersatz genannt. Sie ist die kleinste und einfachste Variante der Oberarmkopfprothesen, mit der lediglich die Oberfläche des defekten Oberarmkopfes und damit der zerschlissene Gelenkknorpel am Humeruskopf ersetzt wird. Die Schaftprothese wird in Abgrenzung zur Kappenprothese nicht nur einfach auf den Oberarmkopf aufgesetzt, sondern mit einem Prothesenstil im oberen Oberarmschaft verankert.

Schultertotalendoprothese (Schulter-TEp)

Mit der Schultertotalendoprothese bzw. Schulter-TEP wird der vollständige Ersatz des Schultergelenks vorgenommen. Es werden alle Teile des Schultergelenks durch eine Endoprothese ersetzt. Die Implantation einer Schulter-TEP wird immer dann notwendig, wenn Verschleiß oder Schädigung des Schultergelenks sowohl den Oberarmkopf, als auch die Schulterpfanne betreffen und schwere Knorpelschäden bzw. Deformierungen aufweisen.

Inverse (umgekehrte) Schulterprothese

Bei starker Schädigung der Rotatorenmanschette kommt die sogenannte inverse Schulterprothese zum Einsatz. Sie ist bei der Bewegung nicht auf die Muskeln der Rotatorenmanschette angewiesen. Durch die umgekehrte Schulterprothese wird die Stabilität des künstlichen Schultergelenks garantiert und die Bewegung der Schulter mit der noch vorhandenen Muskulatur ermöglicht.